Zum Nachdenken

„Wo findest du tiefere, kläglichere, jämmerlichere Worte von Traurigkeit als die Klagepsalmen sie haben? Und, wie gesagt, ist das das allerbeste, dass sie solche Worte gegen Gott und mit Gott reden; das macht, dass zweifältig Ernst und Leben in den Worten sind. Daher kommt es auch, dass ein jeder, in was für Sachen er auch ist, Psalmen und Worte darin findet, die sich auf seine Sachen reimen und ihm ebenso sind, als wären sie allein um seinetwillen gesagt …“
So schrieb es Martin Luther im Vorwort zu seiner Auslegung der Psalmen. Er entdeckte, dass die Psalmen Worte finden, Bilder vor Augen stellen, sprachlich Szenen prägen, die über die jeweilige Situation der Beter damals bis in unsere Zeit reichen, und uns in Not- und Grenzsituationen helfen, uns in ihnen wiederzufinden. Psalmen beten vor, und wir finden uns in ihnen wieder und entdecken, dass wir mit unserer Angst und unserem Schmerz nicht alleine sind. Gleichzeitig aber stellen sie uns den heiligen Gott vor Augen, den Vater der Barmherzigkeit, der an der Not seiner Kinder nicht vorübergeht. Wer sich vor ihm beugt, die eigene Unwürdigkeit erkennt und seine Heiligkeit anerkennt, findet großen Trost, große Hilfe, neue Zuversicht und Kraft.

Pfr. Hans-Joachim Baumann